- Abenteuer oeffentliche Verkehrsmittel
- Kalkutta steht unter Wasser
- Abschiedsgeschenk am letzten Abend: ein Cocktail aus Shigellen und Salmonellen
- vom 13.10 bis 21.10
Kilometer: 7360
Blasen und Druckstellen an den Füssen zeigen es an: Nach tagelangem Wandern und Bergsteigen bedarf es eines ausgedehnten Ruhetags. Frischer Kaffee, leckeres Müsli, Steaks, Burger und echt italienische Pizza, nichts davon wollen wir unseren geschundenen Mägen vorenthalten.
Nicht, dass die wiedergewonnene Energie direkt in die Pedale verschwinden würde. Durch das Bergsteigen haben wir zuviel Zeit verloren, als dass wir den Rest der Strecke noch hätten radeln können. Dennoch braucht es viel Kraft, Rechenhemdchen und seine Kalkulations- sowie Organisationskünste zu verdauen.
Rechenhemdchen, Manager eines nepalesischen Reisebüros, der ohne seinen Taschenrechner sicher nicht überlebensfähig wäre, hat uns schon über Umwege die Bergtour mit Pascal organisiert. Über jede Form von Auftrag beglückt, erklärt er sich auch bereit, den Bus- und Bahntransfer nach Kalkutta zu organisieren.
Die Busfahrt bis hin zur indischen Grenze ist sehr aufreibend, die Straße ist nur teilweise asphaltiert. Auf engen Bänken zusammengepresst wünschen wir uns bereits schnell wieder auf unsere Räder zurück. Direkt vor uns muss sich eine Frau übergeben und verleiht unseren eigenen Gefühlen Ausdruck.
Aufgrund der geografischen Widrigkeiten, sowie der schwierigen politischen Situation, die das Land schon vor vielen Jahren zum wirtschaftlichen Stillstand brachte, gibt es in Nepal keine Eisenbahn. Der Personen- und Frachtverkehr wird daher größtenteils auf dem Landweg befördert. Nur wenige können es sich leisten, die anstrengenden Fahrten mit dem Flugzeug zu umgehen.
Hatten wir bisher an Grenzübergängen immer bürokratischen Aufwand zu bewältigen, so werden wir diesmal positiv überrascht. Wären wir nicht von einem Polizisten aufgehalten worden, so hätten wir wahrscheinlich, ohne es zu wissen, die Grenze passiert. Da Nepalesen und Inder frei über die Grenze fahren dürfen, haben wir das kleine Grenzhäuschen am Wegesrand gar nicht bemerkt.
Auf der Suche nach dem Bahnhof auf indischer Seite können wir bereits erste Unterschiede feststellen. So waren die nepalesischen Straßenverhältnisse bei weitem nicht so chaotisch, die Straßen bei weitem nicht so überfüllt.
Das soll uns jedoch nicht weiter interessieren, schließlich müssen wir uns zunächst einmal auf das Verladen unserer Räder konzentrieren. Erst während der Fahrt stellen wir fest, dass wir die Räder auch billiger hätten transportieren können. Die Inder machen es vor, sie hängen ihre Fahrräder einfach aus dem Fenster.
Die Fahrt nach Kalkutta dauert ca. 20 Stunden. Für Unterhaltung sorgen zwei Engländer, die über und unter uns Sitzplätze reserviert haben. Auch die Überquerung des Ganges ist ein Spektakel.
Frühmorgens, dem 17. Oktober, fahren wir in Kalkutta ein. Die Fahrt vom Bahnhof in die Stadt soll unsere letzte Fahrt mit den Rädern nach unserer fast fünfmonatigen Tour werden. Von den Engländern haben wir im Zug erfahren, dass es im Stadtzentrum in der Umgebung der Sutterstreet einige günstige Hotels geben soll. So bahnen wir uns also einen Weg durch das noch nicht ganz erwachte Chaos.
Von hilfsbereiten Indern (die uns neben Ihrer Hilfe auch alle möglichen Drogen anbieten) werden wir durch mindestens 10 verschiedene Hotels und Gasthäuser geführt. Es dauert ein Weilchen, bis wir endlich eine Unterkunft gefunden haben, die nicht total überteuert, aber trotzdem von einem hygienisch Standpunkt her vertretbar ist.
Trotz seiner vielen Millionen Einwohner macht Kalkutta einen weit weniger überfüllten Eindruck als zunächst vermutet. Viele Bettler und Arbeitslose wurden in die Randgebiete der Stadt verbannt, um Platz für die sozial Bessergestellten zu schaffen. In dem Viertel um die Sutterstreet, wo Mutter Theresa bis 1997 den Orden 'Missionarinnen der Nächstenliebe' leitete, gibt es trotz allem noch viele Bettler, vor allem aber Drogendealer. 'Haschisch, Opium, Kokain???' geht uns zunehmend auf den Kecks.
Wirtschaftlich gesehen macht Indien einen weitaus zurückgebliebeneren Eindruck als beispielsweise China. Bei einem Gespräch mit Aschisch, dem Sohn eines sehr einflussreichen Wirtschaftsmagnaten in Kalkutta, erfahren wir, dass grundsätzlich die sehr späte Liberalisierung der Märkte dafür verantwortlich ist. Indien hat erst vor 10 Jahren eine durchgreifende Reformierung der Märkte gestartet und liegt somit ca. 10 Jahre zeitversetzt hinter China. Ein anhaltender wirtschaftlicher Aufschwung soll besonders durch die Masse der Bevölkerung getragen werden, die bereits die 1,2 Milliarden Marke überschritten haben soll. Anders als in Deutschland gibt es in Indien keine Nachwuchsprobleme, über die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 26 Jahre.
Sweta, die Schwester von Aschisch, lernen wir in einem Pizza Restaurant kennen. Sie ist Managerin des erst zwei Wochen alten Restaurants und um das Wohlbefinden der Gäste bemüht. Wir erhalten eine Liste aller nennenswerten Clubs und Bars, sowie eine Einladung zu ihren Eltern. Auch hier erst lernen wir Aschisch kennen, der President der Cricket-Liga Indiens ist ebenfalls zu Gast. Da wir uns bis tief in die Nacht unterhalten, gehen wir nur noch kurz in einen Club und verschieben weitere Diskothekbesuche auf den kommenden Tag.
Bevor wir uns jedoch dem Nachtleben Kalkuttas widmen können, müssen die Räder verschifft werden, ein Unterfangen, welches uns schon seit drei Tagen beschäftigt.
Als die Räder endlich abgeholt werden sollen, warten wir vergeblich. Bei einem Anruf werden wir darauf hingewiesen, dass es schließlich regnen würde, heute also nicht gearbeitet wird. Ohnehin hätte man an dem Verschiffen der Räder kein Interesse mehr. Zum Glück haben wir uns mehrere Angebote eingeholt und können die Räder doch noch sicher verladen.
Auch wenn heftige Regenfälle nicht unbedingt zum Arbeitsausfall führen sollten, so schaffen sie es doch, in nur zwei Tagen Kalkutta unter Wasser zu setzen. Immer wieder sind ganze Straßen bis zu einem halben Meter überschwemmt. Die Trinkwasserversorgung, welche über Pumpen auf den Gehwegen erfolgt, ist somit nicht mehr garantiert.
Kein Wunder also, dass wir am letzten Abend im wahrsten Sinne des Wortes, öfter mal von der Tanzfläche verschwinden müssen. Später in Deutschland werden Shigellen und Salmonellen bei Stuhluntersuchungen diagnostiziert.
Da um vier Uhr in der Früh das Taxi zum Flughafen bereits auf uns wartet, ziehen wir es vor, das Schlafen auf das Flugzeug zu verschieben.
Um 7:35 Uhr Ortszeit geht die Reise in Kalkutta zu Ende, das Flugzeug nimmt Kurs auf London.
Für uns beginnen jedoch, geplagt von Bauchkrämpfen, Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen, die schrecklichsten Stunden der letzten Monate. Umso schöner also die Ankunft in der trauten Heimat, auch wenn durch diverse Bakterien bedingt bis jetzt noch auf viele deutsche Leckerein verzichtet werden muss.