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Auf dem Friendship Highway ins Königreich

  • 4600 Höhenmeter in die Tiefe - vom Schnee in die Tropen
  • Neue Düfte
  • Linksverkehr
  • Nachtrag: Potala Foto
  • vom 30.09. bis 04.10.

Kilometer: 7360

Die wolkenlose, klirrendkalte Nacht im Basislager, in der wir wohl zum ersten Mal unsere gesamte Kleidung am Leibe tragen, vergeht nicht, ohne dass uns ein Hund aus dem Schlaf reisst und eine ganze Meute danach in ein Konzert einfaellt. Erst das Pfefferspray bereitet dem Gejaule ein Ende.

Norbu, der guide, hat wohl aus gutem Grunde nicht mit uns im Zelt uebernachten wollen und es bevorzugt in einem Zelt mit Ofen zu campieren.
Eingepackt und gerade noch faehig aus der Sturmmuetze zu gucken, rollen wir den sonst nur fuer Eselskarren zugelassenen Schotterweg ins Kloster Rongbuk zurueck.
Dort treffen wir neben den schweizer Eidgenossen auch Johanna und Klaus wieder, ein hollaendisch-deutsches Paerchen, die sich eine weitabgelegene Tour zum heiligen Mount Kailash, dem Zentrum des Universums fuer Buddhisten, Hindus und Jains, auf die Fahnen geschrieben haben.
Sie verkoestigen uns mit einer heissen Schokolade in einem ihrer vielen Zelte, dem “Wohnzimmerzelt”. Gestaerkt geht es weiter hinab.

Ein kleiner tibetischer Eselskarren geraet beim Anblick des schweizer Begleittrucks in Panik, nimmt reiss aus so dass sich der Wagen ueberschlaegt und so den Bauern unterm Karren begraebt – kein schoener Anblick.

Seit einem Jahr macht die chinesische Geldmaschienerie auch nicht mehr halt vor dem Mount Everest, sodass jeder Tourist seinen Jeep 45 km vor dem Basislager stehenlassen muss und gegen ein saftiges Endgeld in ein altes amerikanisches Grossraumtaxi umsteigen muss, dem man beim “Auseinanderfallen” buchstaeblich zuschauen kann.

Den Stich zum Everest fahren wir nur zum Teil wieder zurueck. Um dem von Trucks aufgewirbelten laestigen Staub auf der Hauptverbindung aus dem Wege zu gehen, nehmen wir eine parallel verlaufende Nebenroute.
Neben Yakherden und verlassenen Doerfern, allerdings nicht so verlassen, dass den dort lebenden Kindern “hello: money!” fremd ist, begegenen uns gelegentlich einige angeschwollene Baeche, die es zu ueberwinden gilt.
Die technisch anspruchsvolle Strecke macht einem Trekkingfahrer richtig Laune, allerdings koennen wir mit Pascal, der die Vorteile seiner vollgefederten HighEndMaschine voll ausfahren kann, nur bedingt mithalten.
Nach dem anstrengenden Anstieg ueber diesen namenlosen “Fast 5000er Pass” geht es ueber Stock und Stein nach (old) Tingri, wo wir wieder auf den Hauptweg in Richtung Nepal stossen und ein letztes Mal mit dem unverwechselbaren Panorama auf die vier Achttausender Everest, Lhotse, Cho Oyu und Makalu belohnt werden.

Nach Tagen der Entbehrung, kann einen eine !warme! Dusche in einem einfachen guesthouse ueberaus gluecklich machen, da ist man(n) wieder Mensch!

In dieser schlaflosen Nacht kreisen die Gedanken um den Tag der Ausreise: haben wir auch wirklich richtig gezaehlt?! Verlassen wir wirklich innerhalb der 90 Tage Visumfrist die Landesgrenze? Nach endlosem Rumrechnen mit den Hilfsmitteln Papier und Bleistift steht fest: Nein! Wir haben einen grausamen, klassischen und fuer einen (angehenden) Wirtschaftsingenieur ueberaus peinlichen Fehler begangen: den Tag der Einreise nicht mitgezaehlt, sondern nur die Differenz zwischen Ein- und geplantem Ausreisetag berechnet.
Kons kann es zunaechst kaum glauben. Norbu findet dieses “Problem” weniger tragisch, beschert es ihm doch einen Tag frueher Urlaub. Es wird uns wohl nichts anderes uebrig bleiben, als die Raeder gelegentlich auf den inzwischen vorhandenen Dachgepaecktraeger zu binden.
Eine weitere Konsequenz dieser Erkenntnis ist, dass wir uns von unseren Eidgenossen und Ulli werden trennen muessen.

Immerhin koennen wir noch den vormittag gemeinsam strampeln, bis wir in einem kleinen Nest zu Mittag einkehren.
Das einzige “Highlight” auf dem Weg dorthin sind Moni und Robi, die wir auf ihren zweiraedrigen Ungetuemen einholen.
Sie haben die Finanzmetropole Zuerich vor einundhalb Jahren verlassen und sind seitdem pausenlos auf dem Radl unterwegs: es werden neben Insidertipps (“mit einem Stueck Schlauch kann man alles reparieren”) auch Reiseerfahrungen und Anekdoten ausgetauscht.

Nach einer deftigen Mahlzeit und einigen Partien “Mao” (aehnlich dem “Arschloch”-Kartenspiels mit dem Unterschied, dass aus solidarischen Gruenden das Arschloch nun Mao heisst und der Koenig Dalai Lama) trennen wir uns von der inzwischen angewachsenden Radlgemeinde mit dem Ausblick auf ein Wiedersehen in Kathmandu.
Fachmaennisch werden die Drahtesel auf dem Dachgepaechtraeger vertaeut. Unsere wundgescheurten Allerwertesten finden grossen Gefallen an der butterweichen Plueschgarnitur des LandCruisers.
Wir geniessen die schnelle Fahrt und sind uns darueber im Klaren, dass die einstuendige Fahrt und die rund 800 Hoehenmeter mit Gegenwind auf der Staubpiste zum Pass hinauf a) keinen Spass gemacht haetten und b) etwa einem Fahrtag entspraechen.

Nach diesem Service, der allerdings im Widerspruch zu unserer Grundphilosophie “Wir fahren alles aus eigener Kraft” steht, lassen wir uns kurz unterhalb des letzten 5150m hohen La Lung Passes rauswerfen, um ein letztes Mal zwischen den imposanten Schneeriesen des südlichen Himalayas hinaufzuradeln und schliesslich auf dem längsten Downhill der Welt 4600 Höhenmeter auf ca. 180 km in die Tropen zu rollen.
Hinter Gebetsmühlen ragt Shishapangma, der letzte 8000er heraus. Danach fallen wir regelrecht die Schotterpiste hinab. Dank Norbu´s Ortskenntnis, bringen wir die Räder auf single trails nochmals an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.
Leider kommt Gegenwind auf, der uns zusammen mit dem aufgewirbelten Staub der Trucks das Leben schwer macht. Die mondartige Kargheit des tibetischen Hochlands geht nun zusehends in eine tropische Vegetation über. Die Vielfalt an Düften der Flora und Fauna berauscht uns.

Zhangmu, die Grenzstadt nach Nepal, zieht sich in Serpentinen bis zur "Freundschaftsbrücke", wo wir von unserem Begleitteam Abschied nehmen. Ein Wiedersehen ist ausgemachte Sache.

Der sogenannte "Friendship-Highway" kann nur ironisch verstanden werden.
Nepalesen scheuen sich vor den übermächtigen Chinesen und misstrauen ihnen. Der Highway entpuppt sich darüberhinaus als katastrophale Steinpiste, auf der wir mit max. 10 Stundenkilometer bergab vorankommen.

Von den Strassenverhältnissen und dem ungewohnten Linksverkehr einmal abgesehen, ist uns dieses kleine Land auf Anhieb symphatisch. Die nepalesische Landschaft ist eine Augenweide. Wir kommen an Reisterrassen und hübschen, lebhaften Dörfern vorbei. Die Menschen bevölkern die engen Strassen; unsere inzwischen wieder beladenen Gefährte manövrieren wir mit größter Konzentration.

Nach 3 Monaten in China sind wir euphorisiert, ganz allein weil hier wirklich alles anders ist: Sprache (hier wird auch gut Englisch gesprochen), Küche, Menschen, Humor, Vegetation, Armut, Landschaft, Kleidung, Mentalität, Linksverkehr, Wasserfälle...

In Barabhise übernachten wir für 1 Dollar und stellen überrascht fest, dass die Uhren hier anders ticken: nähmlich 2 1/4 Stunden nach der Chinesischen bzw. 3 3/4 Stunden vor unserer Zeit. Die tropisch heisse und ungewohnt feuchte Luft verliert auch nachts nicht an Intensität.

Auf einer endlich asphaltierten Strasse kommen wir unserem Zwischenziel Kathmandu immer näher.

Die Idylle trüben alle 5 bis 10 km auftauchende Checkpoints, an denen königliche Truppen den Verkehr penibelst unter die Lupe nehmen und dieser zum Erliegen kommt.

Die bürgerkriegsähnlichen Zustände zwischen Königstruppen und Maoisten, die nun schon seit Jahrzehnten das Land politisch destabilisieren und ökonomisch belasten, werden zum Zeitpunkt unserer Einreise durch einen 3 monatigen Waffenstillstand abgelöst.

Dennoch schüchtert uns das überall präsente Militär ein, obgleich wir freundlich durchgewunken werden und uns versichert wird, dass Touristen bisher nicht nennenswert zu Schaden gekommen sind.

Die Hitze erschlägt uns so sehr, dass der Appetit gerade einmal für einen Mix aus Papaya und Melonen ausreicht.

Beim Zieleinlauf in Kathmandu holen wir eine Radlgruppe aus Baden ein, die uns ins Touristenviertel Thamel bringt.

Wir beziehen das altehrwürdige "Kathmandu Guest House" mitten im Zentrum, wo schon Sir Edmund Hillary, Reinhold Messner und andere Yetis genächtigt haben.

Leuchtreklamen flackern um die Wette und um die Gunst der weitgereisten Gäste, Souvenirläden, Outdoorshops und Reiseagenturen prägen das Bild von Thamel. Hier tummelt sich ein ganz eigenwilliges Völkchen aus Bergsteigern, Abenteurern und denen, die es werden wollen.

Gerade dieser Mix macht uns richtig Laune, da wir hier auch ein Stück Heimat wiederfinden (Schwarzwälder Kirsch, guter italienischer Kaffee...).


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