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Koenig der Berge

  • Chomolungma (Mount Everest, 8851 m)
  • Die "Freundschafts- Schnellstrasse"
  • vom 21.09. bis 29.09.

Kilometer: 7134

Lhasa hinterlaesst viele Eindruecke. Anders als in anderen chinesischen Staedten, haetten wir hier jedoch noch ein paar Tage bleiben wollen, der Zeitdruck des auslaufenden Visums laesst uns jedoch aufbrechen.

Auf den ersten Kilometern gen Westen passieren wir eine erste Fahrradgruppe westlicher Touristen, die ganz offensichtlich noch nicht optimal akklimatisiert in den Saetteln sitzen. 85km liegen noch vor ihnen, Respekt!

Die Strasse nach Shigatse, der zweit groessten Stadt Tibets, ist auf den ersten Kilometern hinter Lhasa gleichzeitig Flughafestrasse und gut ausgebaut. Mit Wind im Ruecken und Sonnenschein im Gepaeck fliegen wir foermlich dahin und erreichen viel frueher als erwartet ein kleines tibetisches Staedtchen, indem wir uns in einem gemuetlichen Restaurant zum Mittagessen niederlassen.
Je spaeter der Abend desto staerker wird der Gegenwind. Nach 117km rasten wir schliesslich nahe einer Arbeiterunterkunft direkt neben der Strasse.
Norbu erzaehlt bis spaet in die Nacht von der traurigen Geschichte seiner Familie und der politischen Tragoedie Tibets, waehrend eine freilaufende Sau sich an unserem Zelt, den Reifen des Begleitfahrzeuges und den Vorgartenblumen der Unterkunft sattfrisst. Letztere Ueberreste gibt es dann, von lautem Quiken begleitet, am Morgen um die Ohren.

Einer langen Schlucht folgend, in der sich der Wind gegen uns zu buendeln scheint, kommen wir am naechsten Tag bei weitem nicht an die Kilometerleistung des Vortages heran. Stattdessen bummeln wir gemuetlich bergauf, halten ab und an, und lassen die Umgebung auf uns wirken. Bauern die den Acker mit Yaks pfluegen, eine Familie die sich am Strassenrand zum Sonntagswaschen eingefunden hat, halt jene Eindruecke die nicht besonders spektakulaer zu sein scheinen, aber eine Reise wie die unsere trotzdem mehr als rechtfertigen.

Shigatse erreichen wir nach einer sehr erholsamen Nacht im Zelt (ohne Sau in der direkten Nachbarschaft) am dritten Tag nach Aufbruch von Lhasa noch vor dem Mittagessen.
Shigatse, ehemals Stitz des Panchen Lama, dem zweitwichtigsten Lama Tibets, ist ebenso wie Lhasa bereits sehr chinesisch gepraegt. Lediglich die alte Hauptstrasse sowie der Tempel des Panchen Lama sorgen fuer etwas Anwechslung in der grauen Einoede.

Wie in Lhasa verabredet treffen wir im Hotel die beiden Schweizer, die auf einer anderen Route schon fuenf Tage unterwegs gewesen sind. Piet und Barbara, ein unglaublich interessantes Duo aus Belgien, das uns in einem Restaurant anspricht und schon seit laengerem auf dem Fahrrad unterwegs ist, kann uns auf der Weiterfahrt leider nicht begleiten, da die Reiseplaene zu unterschiedlich liegen.

Zunaechst koennen wir es gar nicht glauben, die Gewissheit steigt jedoch mit jedem gefahrenen Kilometer und einem Blick auf die Karte. Wir befinden uns tatsaechlich auf dem sogenannten “ Friendship Highway “, der nicht nur die einzige Ueberlandverbindung von China nach Nepal darstellt, sondern zuglaich auch Westchina mit Indien, ueber Nepal als Transitland, verbindet.

Holpernd bewegen wir uns also Seite an Seite mit den gefederten High End Bikes der Schweizer, Pascal und Andreas, ueber die bucklige Staubpiste. Zu sehr schon, so muessen wir feststellen, haben wir uns an die sonst so guten Strassenverhaeltnisse in China gewoenht. Dabei sind es viel weniger die Buckel und Steine die uns stoeren, der immer wieder von vorbeifahrenden Trucks aufgewirbelte Staub macht uns zu schaffen.

Wir sehen den Umstand jedoch sportlich und als eine Kostprobe des bisher unbekannten chinesischen Humors; Freundschafts Schnellstrasse, sehr lustig, doppelt komisch.

Ungeachtet der Strassenverhaeltnisse geniessen wir die immer abwechslkungsreichere Landschaft, die neben hohen Paessen und tiefen Schluchten, nun immer mehr den Eindruck von einem richtigen Gebirge vermittelt.
Da unser neuer Guide, Norbu, ohne Zweifel mehr von seinem Beruf versteht als sein Vorgaenger, kommen wir in den Genuss, nach anstrengenden Fahrtagen den Sonnenuntergang (und selten auch den Sonnenaufgang am folgenden Tag ) auf dem Land mit zu erleben. Ausgeruestet mit einem Gaskocher werden wir hier vor unserem Zelt mit Tee und tibetischer Nudelsuppe, bestehend aus; Nudeln, Yakfleisch, Tomaten und Ingwer, versorgt.
Nicht selten bekommen wir auch Besuch von einheimischen Tibetern, die die grossen Fremden und deren eigenartige Kleidungs- und Umkleidegewohnheiten auf freiem Felde bewundern, bevor sie sich dann hingebungsvoll dem Abendessen widmen.
Oft sind die Energiereserven nach einer solchen Mahlzeit wieder hinreichend aufgefuellt, um noch einige Partien des schon nach kurzer Zeit weitlaeufig bekannten Arschlochs (Kartenspiel), zu zocken. Auch wenn sich Norbu und die nepalesischen Guides der beiden Schweizer nicht immer gruen sind, so stellen wir doch fest, Arschloch sein verbindet.

Pascal; grossgewachsen, sportlich fit, mit Offizierston, hat von den Reisefuehrern aus Nepal wohl etwas mehr Orientierungssinn sowie schweizerische Korrektheit erwartet, und befindet sich daher oftmals auch ohne Rad wutrot im anaeroben Bereich. Andreas hingegen, grundsaetzlich sehr fit, jedoch ohne einen einzigen Trainingskilometer in den Beinen laesst alles ueber sich ergehen, trauert lediglich westlichen Essensstandards nach und verlaed das Rad, falls Pascal mal wieder zu heftig in die Pedale tritt.
Allen gemeinsam, den beiden Radlern aus good old Germany eingeschlossen, ist jedoch der Wunsch, endlich den Koenig der Berge, den Everest, hinter einem Pass oder einer Anhoehe erblicken zu koennen.

Jener Wunsch geht schliesslich nach schier endlosen Kilometern auf staubiger Piste in Erfuellung. Hinter einem Bergruecken haben wir, noch ca. 250 km von uns entfernt, Aussicht auf den Everest, der allueberragend am Horizont bei wolkenfreiem Himmel, schneebedeckt in den Himmel ragt. (erstes Foto)
Von hier aus, liegt noch das kleine Doerfchen Shegar, indem wir uns, berechtigt durch eine erste Permission aus Lhasa, noch zwei weitere Permissions kaufen „duerfen“, sowie ein 5250m hoher Pass mit dramatischer Abfahrt ueber Serpentinen, zwischen uns und dem ca. 65km langen Anstieg zum Base Camp.

„World known for its excellent management of Chomolungma Nature Reserve“, so eine Broschuere, die wir bei Erwerb einer der beiden Permissions beigelegt bekommen haben, muessen wir nach nur 15km Fahrt, all unsere Ausruestung von unserem Begleitfahrzeug in einen voellig maroden sowie mit Chinesen ueberfuellten Van umladen.
Der Van, der entgegen aller Erwartungen nicht auf der Strasse zusammengebrochen ist, faehrt nicht direkt zum Camp der 1924 gescheiterten britischen Expedition, sondern haelt beim Kloster Rungbuk.

Das Kloster, auf 4980m Hoehe gelegen, wurde 1902 von dem Nyingma Lama gegruendet. Heute, unter politischer Kontrolle, duerfen sich auch hier nur noch Moenche, jedoch keine Lamas mehr aufhalten. Daran, dass bereits 200 Jahre zuvor zahlreiche Nonnen oberhalb des Klosters Meditationsstaetten errichtet haben, erinnert nach dem Kahlschlag der Kulturrevolution nichts mehr.
Nur fuer diejenigen die es interessiert, Chomolungma heisst auf Deutsch soviel wie; „Muttergoettin der Berge“, „unerschuetterliche Elefantenfrau“, oder „fettes Huhn“

Vom Kloster geht es fortan nur noch mit dem Pferdekarren, a Pie, oder in unserem Falle mit dem Fahrrad, weiter hinauf zum Base Camp.

Da es jedoch schon reichlich spaet ist beschliessen wir nahe des Klosters, unterhalb einer Stulpa, zu campieren. Neben klirrender Kaelte bereiten uns bellende Hunde, sowie ein Yak, das zweimal an unserer Zeltabspannung haengen bleibt, eine unruhige Nacht.

Wenn auch steinig und recht steil, so ist die Weiterfahrt zum Base Camp am kommenden Morgen mit nur 8 Kilometern nicht weiter anstrengend. Im Gegenteil. Die Hoffnung, endlich das Base Camp, ausgangspunkt fuer alle Everest Expeditionen von tibetischer Seite, erreichen zu koennen, befluegelt uns.
Nurbu, der ebenfalls eine unruhige Nacht verbracht hat, folgt uns mit dem Eselskarren.

Begruesst werden wir, anders als erwartet, nicht von einem Meer von Expeditionszelten, sondern einer kleinen Stadt, bestehend aus Teezelten und Zelthotels.
Die Expeditionszelte liegen etwas weiter bergauf, hinter einem Huegel, der fuer uns jedoch unzugaenglich ist. Hier duerfen nur noch diejenigen ihr Zelt aufschlagen, die eine Bergsteigegenehmigung vorweisen koennen. Etwas resigniert schlagen wir unser Zelt also unterhalb des Huegels auf und ziehen uns in eines der Teezelte zurueck.

Ordentlich aufgewaermt, begleitet von Nurbu, beschliessen wir einen kleinen Berg in der Umgebung zu besteigen. Wir steigen zunaechst oestlich des Camps auf eine Huegelkette, durchqueren anschliessend einen Gebirgsbach und befinden uns schon kurze Zeit spaeter weit oberhalb des Camps, dessen einzelne Zelte nun wie Armeisen aussehen.

Von hieraus scheint der Everset greifbar nahe. Wir setzen uns und geniessen einfach nur die Aussicht.


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