- Hoehenluft
- Selbstreinigung mit Blutegeln
- vom 31.08. bis 07.09.
Kilometer: 5805
Berichte geben wohl nur unzureichend wieder, was eine solche Reise persönlich bedeutet.
Hier die weisen Worte eines Psychologen und Freundes, eine von vielen Zuschriften, die wir erhalten.
"Das Ziel und Umstände sind der Vorwand unterwegs zu sein, so eine Art (...) altgriechischer Kosmos, innerhalb dessen sich jeder beruhigt und aufgehoben bewegen konnte. Wir ersetzen diese Konstruktion durch den Rahmen einer Reise.
Denn nichts genießt der Mensch mehr, als freies, gemeinsames, sinnliches, zielgerichtetes (...) Handeln. Reisen ist dafür ein wundervolles Medium."
"Die nachhaltigsten Erinnerungen sind dann nicht so die dramatischen Highlights einer Chinesichen Mauer, sondern der blubbernde, staubende Truck aus der Ferne, die unverwechselbare trockene Morgenkälte in der dünnen Himalaya Höhenluft oder der apokalyptische Smog über Kalkutta."
Nach vielen kritischen Anmerkungen zur chinesischen Mentalitaet und Lebensweise in den letzten Berichten, wollen wir jedoch kein voellig undifferenziertes Bild dieser Nation wiedergeben und muessen der fairness halber auch sagen: die in China lebenden Voelker sind allesamt hochanstaendig! Es wird kein Trinkgeld angenommen, Kriminalitaet scheint hier ein Fremdwort zu sein und wurde von uns nicht im Ansatz wahrgenommen. Nicht einen Moment haben wir uns unsicher gefuehlt, vielleicht auch, weil hier fast alles anders ist und wir hier eher als "Objekt zum Sehen und Staunen" begriffen werden.
In der ART (Autonome Region Tibet) fanden vom 01. bis 10. September die Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag der endgueltigen "Befreiung" Tibets statt.
Dies wohl - wir spekulieren - unter Ausschluss der Weltoeffentlichkeit, denn alle Touristen mussten Lhasa innerhalb dieses Zeitraums verlassen. Gluecklicherweise haben wir unbewusst den richtigen Zeitraum gewaehlt, um Lhasa anzusteuern.
Uns begegneten auf unserem Weg Richtung Sueden unzaehlige Konvois mit chinesischen Truppentransportfahrzeugen, die in Lhasa aufmarschiert sind.
Unsere guides treffen wir im Hotel in Germud - Helen, 25, ist aufgeweckt und unheimlich hilfsbereit.
Mister Ma, 26, der Fahrer, ist die Ruhe selbst, fuer gute tibetische und indische Musik an Bord zustaendig und immer fuer einen Scherz aufgelegt. Er gehoert zu der Volksgruppe der Tun, von der wir vorher auch nichts wussten.
Den Tag vor Abreise sind wir mit dem Einkauf von Lebensmitteln fuer die naechsten 3 Wochen bis Lhasa beschaeftigt, der 4 Einkaufswagen fuellt und fuer Kopfschuetteln bei den Kassierinnen sorgt.
Alles verschwindet samt unseres eigenen Gepaecks im Toyota Kleinbus.
Unsere Drahtesel werden einer ersten grossen Inspektion unterzogen, leider aber ohne die verschlissenen Teile auszuwechseln zu koennen, das Paeckchen mit Ersatzteilen aus Deutschland erreicht uns einige Tage verspaetet in Tuotuohe.
Am Abend vor den ersten Hoehenmetern gibt's ein Bier in der Sauna und abwechselnd Entspannung im Whirlpool und eine chinesische Massage mal mit Honig, Salz, Milch und anderen Lebensmitteln.
Kulturell, historisch und geografisch ist Qinghai stark mit seinem Nachbarn Tibet verbunden, und bevor es im 18. Jh. dem chinesischen Reich einverleibt wurde, war Qinghai die tibetische Provinz Amdo.
Der suedliche Teil dieser riesigen Provinz ist mit nur 30 frostfreien Tagen im Jahr unwirtlich. Dieser Teil ist Auslaeufer des tibetischen Hochplateaus, das zwischen 4600 und 5200 m ue. d. M liegt und selbst fuer die abgehaertesten Nomadenvoelker nicht mehr dauerhaft bewohnbar ist.
Um uns von unseren Suenden zu befreien, lassen wir uns von einem Gelehrten alternativer Medizin zu einem schmerzhaften Ritual der Selbstreinigung ueberreden: mit Blutegeln gefuellte glaeserne Saugnaepfe werden durch einer Stichflamme erhitzt und mit Unterdruck auf dem Ruecken
platziert. Die um ihr Leben ringenden Sauger sind bis zu ihrem nahenden Tod besonders aktiv und hinterlassen zusammen mit dem Unterdruck Bluterguesse, die erst innerhalb mehrerer Wochen verheilen.
Zur "Toilette" nur soviel: keine Ausnahmeerscheinung, sondern taegliche Realitaet (hier in einem unserer guesthouses). Wir ziehen es daher grundsaetzlich vor die "natural toilet" aufzusuchen.
Die Massstaebe an die Sauberkeit in tibetischen Unterkuenften sind sehr niedrig anzusetzen - aber wir sind ja inzwischen einiges gewohnt.
Die Bettwaesche wird wohl nur alle paar Jahre gewechselt, aber ohne Garantie, dass die neue dann auch wirklich gewaschen ist. Als Folge davon schlaeft man stets in einer Wolke aus ranzigem altem Butterfett.
Auch wenn wir uns nicht fuer empfindlich halten wuerden wir uns weigern, uns hier ohne eigenen Schlafsack mit Inlet schlafen zu legen.