- Pendlerpauschale?
- Lanzhou
- Ausritt mit Lokalmatadoren
- vom 15.08. bis 20.08.
Kilometer: 4565
Dass China ein Land der Gegensaetze ist, spiegelt sich nicht zuletzt in dem beruehmten Yin-Yang-Symbol wider.
Auch auf unserer Reise sind wir staendig mit eklatanten Gegensaetzen, unserem Empfinden nach sogar Widerspruechen, konfrontiert.
So bauen wir zwei Tage vor dem geplanten Zwischenstopp in Lannzhou unser Zelt in noch nahezu idyllischer Einsamkeit auf einem kleinen brachliegenden Reisfeld auf.
Nach kurzem Besuch der sehr freundlichen Bauern, natuerlich verbunden mit dem obligatorischen Tauschen von Schokolade und Zigaretten, sowie einer anschliessend deftigen Nudelmahlzeit aus der Campingkueche, koennen wir hier die Milchstrasse in ihrer ganzen Laenge bewundern.
Wir haben zwar keine Ahnung von Sternenkonstellationen, dank der ueberwaelltigen Anzahl an Sternen finden wir denoch jedes Objekt, dass uns in den Sinn kommt, am Himmel wieder. Da das kleine Fahrrad, dort der imposante Drahtesel ...
Das die Chinesen grosse Schaetze und Heiligtuemer schon vor langer Zeit in Hoelen aufbewahrten, wussten wir spaetestens seit dem Besuch der Grotten nahe Datong.
Die Verwunderung ist dennoch gross, als wir auf der Weiterfahrt nach Lanzhou immer wieder an Hoehlenwohnungen vorbeiradeln.
Die in Wuestensandstein gehauenen Behausungen bieten der emsigen Landbevoelkerung ausreichend Schutz vor Wind und Wetter, insbesondere im Winter, indem es klirrend kalt wird. Ein Gedanke an die in der Heimat entbrannte Diskussion um die Eigenheimzulage laesst uns bei diesem Anblick jedoch gleichsam schmunzeln und betroffen schweigen.
Wir koennen es nicht lassen und vertreiben uns weiterhin die Zeit mit steuerpolitischen Problemen, aber auch bzgl. der Pendlerpauschale koennen wir keinen klaren Gedanken fassen, zu oft ueberholen wir muede Pferdekarren und vollbepackte Maulesel.
Koennte man einem Chinesen ueberhaupt die Sinnhaftigkeit einer solchen Steuerverguenstigung erklaeren? Wahrscheinlich kaum.
Bis kurz vor Lanzhou werden wir also noch von einem sehr laendlich gepraegten China begleitet, das uns nicht zuletzt der tollen Landschaft wegen und der Freundlichkeit der Menschen so gut gefaellt.
Gegessen wird in kleinen Gasthaeusern am Strassenrand fuer nie mehr als 3 Euro; beim Rasten kommt es nicht selten vor, dass ein Hirte seine Schafe vorbeifuehrt.
Emsig umherwuselnd und sehr fleissig haben die Chinesen auf dem Land bei weitem nicht jenen Komfort den die Stadtbevoelkerung geniesst, die Hoffnung in die Zukunft ist deshalb aber nicht weniger stark.
Angekommen in Lanzhou, quasi dem Herzen Chinas, Hauptstadt der Provinz Gansus und ueber drei Millionen Einwohnern umfassend, aendert sich die Szenerie wieder um 180 Grad.
Die Arbeitswut der Staedter ist ebenfalls gross, der Lebensstandard aber ist Welten entfernt von jenen Regionen, die wir noch 30km ausserhalb der Stadt durchradelt haben.
Auch der Anteil an Superreichen steigt und fortan muessen wir uns auf der Strasse nicht mehr nur vor Traktoren und VW Santana in acht nehmen, sondern auch vor Luxuskarossen bekannter deutscher Autohersteller.
Die Macht der Gegensaetze beschraenkt sich aber nicht nur auf die Stadt-Land-Beziehung, sondern ist auch innerstaedtisch allgegenwaertig. So darf es nicht verwundern, dass die sonst um hoechsten Komfort bemuehte Bedienung in einer der gemuetlichsten Bars der Stadt, mit Vorankuendigung ueber lautes Roecheln, vor allen Gaesten, hinter der Bar auf den Boden rotzt.
Hohe Professionalitaet erfahren wir jedoch von den Angestellten des Merida Bike Stores, die mit aller Fingerfertigkeit unsere stark geschundenen Raeder wieder zum Strahlen bringen.
Ein Trinkgeld fuer vollbrachte Wunderleistung, die schon beim ersten Tritt in die Pedale spuerbar wird, das Rad will garnicht aufhoeren zu rollen, will aber niemand annehmen.
Stattdessen werden wir am Abend im Fahrradladen zum Essen eingeladen, bei dem auch alle Angstellte anwesend sind. Das beeindruckt uns sehr.
Gemeinsam lassen wir es uns bei chinesischen Leckereien ( nicht scharf und tatsaechlich richtig lecker, auch wenn Schweinekrallen dabei sind ) und hiesigem Bier im Fahrradladen gut ergehen, der nach nur einer Stunde schon eher einer Trinkhalle als einem Official Merida Bike Store aehnelt.
Nicht faehig den Exzess zu verhindern, lassen wir uns nach ordentlichem Biergenuss fuer den kommenden Tag zu einer Fahrradtour mit einem nahegelegenen Kloster als Ziel ueberreden.
Nach wenig Schlaf und mit dickem Schaedel stehen wir also am naechsten Tag um acht in der Frueh vor jenem, sich ueber Nacht wieder zurueckverwandelten Fahrradladen, wo wir schon nervoes von den nun in Trikots steckenden und abfahrbereiten Trinkpartnern der Vortages erwartet werden.
Eine weitere Gruppe Radsportler soll schon am Stadtausgang auf uns warten, es ist also Eile geboten.
Als wir die kleine Gruppe frisch ausgeschlafener Rennradfahrer entdecken wird klar, dass der -Radausflug- doch etwas sportlicher ausfallen wird.
Mit einem noch frischen Bierdampf in den Beinen koennen wir jedoch sowohl unsere Trink- als auch Radlerehre retten, und so am Ende des Tages, nun wieder nuechtern, auf einen wirklich tollen Radausflug zurueckschauen.
Auf der Weiterfahrt von Lanzhou nach Xining lernen wir des Sprichworts "Die Spreu vom Weizen trennen" wahre Bedeutung kennen.
Erst vor kurzem muss hier in den kleine Doerfern die Ernte eingefahren worden sein, und nun scheint es, als waeren alle arbeitsfaehigen Haende mit der Gewinnung des so wertvollen Weizens beschaeftigt.
Ob mit fahruntauglichen Maehdraeschern, die per Hand gefuettert werden, oder mit Traktoren die im Kreis fahrend, den auf dem Boden liegenden Weizen aus seiner Schale zu berfreien versuchen, alles dreht sich um das Dreschen, auch wenn es komplett von Hand geschehen muss.
Stolz blicken die fleissigen Bauern, die sich schon vor Sonnenuntergang neben ein bis zwei vollen Saecken frischen Weizens bei einer Zigarette ausruhen koennen.