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Die Invasion der Enklish Teachels

  • English Teacher- Disneyland
  • Nachgegeben wird nicht
  • Zurueck in die Wueste
  • Bergfest
  • vom 07.08. bis 14.08.

Kilometer: 4128

Invasion der Disney Teachers

"Dongsheng ist ein kleiner Ort, der ausser dem naheliegenden Dschingis-Khan-Mausoleum nichts Aufsehenerregendes zu bieten hat", so unser Reisefuehrer.
Weit gefehlt. Die knapp 50 km nach Dongsheng verfliegen wie im Flug, auch unter Mithilfe langsamer Trucks, die uns an manchen Anstiegen ziehen und so beziehen wir unser Hotelzimmer bereits am vormittag.
Unser Phrasebook leistet wieder ganze Arbeit und auf den Spruch - in chinesischen Schriftzeichen wohlgemerkt - : "The luggage isn't easily removed from the bikes. We need to take our bikes to our room, OK?" ist immer Verlass. Hinter den pompoesen Eingangshallen der Hotels verbirgt sich meist ein leider wenig qualifiziertes Personal, was aber in huebschen Kostuemen steckt. Der Preis von 5 Euro pro Nase und Nacht troestet darueber hinweg.
Kaum haben wir das Hotel fuer einen Grosseinkauf verlassen, bietet uns der English Student Roger (sein chinesischer Name ist uns entfallen) seine Dienste an: er moechte uns in der Stadt herumfuehren und dabei sein Englisch ueben. Wir geben ihm zu verstehen, dass wir keine Muttersprachler sind, aber das scheint ihn wenig zu stoeren.
Sonnencreme steht u.a. auf unserer Einkaufsliste, ein Produkt das in China (noch) weitesgehend unbekannt ist und nur von "Langnasen" gekauft wird. Aber wie so oft werden wir schliesslich doch fuendig.
Nach weiteren Besorgungen laden wir ihn auf einen italienischen Kaffee ein und bringen ihn damit zum Reden. Was denn an diesem Land ueberhaupt noch kommunisitisch sei, moechten wir in Erfahrung bringen. "Der jetzige Zustand mit seinen kapitalistischen Elementen ist nur die erste Vorstufe auf dem Weg zum Kommunistischen System. Wir, die Chinesen, adaptieren Know-how aus dem Ausland und versuchen von erfolgreichen Volkswirtschaften zu lernen, ohne jedoch deren Fehlentwicklungen zu uebernehmen. Unser Kapital ist und bleibt jedoch die Masse an Menschen." Die Zukunft Chinas sieht er "very, very bright"! Kritische Einwaende unsererseits lassen ihn unbeeindruckt.

Tatsaechlich ist China ein Land voller Workaholics, die voller Tatendrang auch fuer uns schwachsinnige Taetigkeiten verrichten. Ein solches "Aermel-Hoch-Krempeln" wuerde dem ein oder anderen von uns Krauts jedoch gut zu Gesicht stehen.
Solange alle etwas dazu gewinnen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmass, scheint die Rechnung aufzugehen. Eine chinesische Professorin fuer foreign trade bestaetigt uns mit Ihrer Sicht der Dinge dieses Bild: "The Future will be better" - dieser Werbespruch von "Future Cola" fasst es am besten zusammen.

Das Fruehstueck im Hotel bestehend aus gewuerzten Fleischbaellchen, scharfen Sossen und undefinierbaren Teigwaren ist chinesisch und damit fuer uns eine Katastrophe. Nur mit dem mitgebrachten Honig wird manches geniessbar. Das chinesiche Essen hier unterscheidet sich sowieso grundlegend von "Onkel Loe's Wok" bei uns um die Ecke. Fruehlingsrollen oder Chop Soey: Fehlanzeige.
China ist auch hier viel mehr als die Summe unserer Vorurteile: es gibt Fleisch, Gemuese, Obst und Beilagen in allen erdenklichen Variationen, alles fein saeuberlich auf eigenen Schaelchen in der Mitte des Tisches aufgebaut, so dass es keine Alternative zum kollektiven Essen gibt. Und mit dem Spruch "Wir moegen es nicht so scharf" ist die chinesische Kueche wirklich vorzueglich, aber eben nicht zum Fruehstueck, da bleiben wir konservativ.
Chinesen bringen selbst uns manchmal zum staunen, wenn sie mit flinken Fingern und schluerfend Wagenladungen in sich hineinstopfen. Dass sie dabei trotzdem schlank sind, ist uns ein Raetsel, wohl aber auf die gute, leichte und bekoemmliche Kueche zurueckzufuehren. Tatsaechlich haben wir hier deutlich weniger Magen-Darm-Probleme. Wer uns gut genug kennt, weiss was gemeint ist.

Dass in einem Land mit ueber 1,3 Milliarden Einwohnern keiner Hunger leidet, ist eine wirklich bemerkenswerte gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Leistung. Das war nicht immer so. Waehrend und nach der "Kulturrevolution", die die Ereignisse von 1966 - 1976 bezeichnet, war das Hungerleiden von unglaublichem Ausmass, dem Millionen von Chinesen zum Opfer gefallen sind. Dies bleibt unvergessen, weshalb hier sehr viel stehen gelassen wird, ein kausaler Zusammenhang, der uns nicht ganz einleuchten mag.

Mr. Xi, Freund der Hotelmanagerin und von Beruf English Teacher fuehrt uns ins Zentrum, um ein gemeinsames Foto mit ihm zu machen, das auf Werbebroschueren seines English Instituts prangern wird - einen Gefallen, dem wir ihm mit gemischten Gefuehlen tun.
Der Aufbau von Freundschaften funktioniert hier anders: es sind in unserem Verstaendnis eher Beziehungen, die von Loyalitaet gepraegt sind. Man wird schnell feststellen, dass der Aufbau von Freundschaften immer auch zum persoenlichen Nutzen betrieben wird, mit anderen Worten, dass das Interesse an uns Auslaendern schnell nachlaesst.
Diese Beziehungen - Gaunxi genannt - waren in der fruehren Mangelgesellschaft das A und O fuer den Erfolg eines anvisierten Ziels. Der Uebergang zur Korruption ist da wohl entsprechend fliessend. Wer ueber solche Gaunxi verfuegt, honoriert die in Anspruch genommenen Gefaelligkeiten selbstverstaendlich. Meist geschieht dies mit einem ueppigen Essen.

Nach den diversen Einkaeufen, fuer die wir umgerechnet rund 150 Euro entrichten mussten und damit einem chinesischen Monatslohn entsprechen, ist der Weg zur Bank unausweichlich.
Alle Versuche an Geld zu gelangen scheitern und wir nehmen uns vor bis zur naechsten Stadt zu darben.
Vor der Bank of China sind wir dafuer Zeuge eines kuriosen Ereignisses: aufgrund von Bauarbeiten wird eine Verkehrsader auf nur eine Spur verengt, was zur Folge hat, dass von beiden Richtungen sich Autos aufeinanderzubewegen, was nach Adam Riese natuerlich den vollkommenen Stillstand zur Folge hat. Waehrend sich der eine Hauptprotagonist gemuetlich eine Zigarette anzuendet, legt ihm sein Konterpart Steine in den Weg. So geht es fast eine halbe Stunde und wir koennen uns vor Lachen kaum halten. Das geniale Schauspiel hat erst ein Ende, nachdem die ganze Stadt still steht und die Ordnungshueter einschreiten muessen.

Dongsheng kehren wir nicht den Ruecken, ohne dass uns zwei weitere English Teacher vor dem Hotel auflauern, um uns in ihre Disney Schule einladen. Leider sind nicht nur ihre Englisch Kenntnisse zum Haare raufen, wir haben ernsthaft den Eindruck, dass wir hier von zwei Sektenbruedern einer Gehirnwaesche unterzogen werden sollen.
In der Hoffnung den beiden keinen ernsthaften Gesichtsverlust zuzufuegen - das Schlimmste, was einem Chinesen widerfahren kann - lehnen wir dankend ab und suchen das Weite. Der G 109 folgen wir weiter gen Westen, einer alten Strasse, die uns in 3200 km nach Lhasa fuehren wird. Zum ersten Mal ist weder auf unsere Navigationsausruestung noch auf uns selbst Verlass und so verbringen wir einen Nachmittag mit der Suche nach der richigen G 109. Schliesslich, nach einem Wust von nichtendenwollenden Baustellen fuer Umgehungsstrassen und Autobahnzubringern werden wir fuendig und errichten unser Zelt erst bei Dunkelheit in einem voellig verlassenen Dorf.
Zur Belohnung gibt es zur Abwechslung mal ein mitgeschlepptes zuenftiges Bier, echte Spaghetti Bolognese mit Zwiebeln und Knoblauch.

Die Landschaft flacht zusehends ab und wir befinden uns ueberraschend schnell in der Ordos Wueste, die wie die gesamte Provinz "Innere Mongolei" einstmals mongolisches Kernland war. Hier leben nachwievor Mongolen, die nicht nur ihres Landes sondern auch ihrer Identitaet beraubt wurden.
Die Wueste ist nach der Regenzeit sehr gruen und mit aufkommendem trueben Wetter fuehlen wir uns nach Norddeutschland oder Sylt versetzt, selbst die Duehnen und Pflanzen aehneln sich sehr.
Erst am naechsten Tag erkennen wir, dass die Landschaft zu Recht als Wueste bezeichnet wird. Unser Zeltplatz in der flachen Wuestenlandschaft ist prompt von einer Grossfamilie umringt, die uns mit Heisswasser und traditionellem Brot verkoestigt.

Den Vormittag verbringen wir zur Abwechslung mit Feldforschung: Mistkaefer dabei zu beobachten, wie sie sich daran machen ihrem Namen gerecht zu werden, indem sie sich dem Mehrfachen ihres Eigengewichts grosse Stuecke herausschneiden und mit ihren kraeftigen Hinterbeinen voran ueber enorme Distanzen in Sicherheit bringen.

Mitten im Sand setzt eine sechsspurige Autobahn an. Wir wirken darauf wie verloren und machen uns wohl auch ungewollt strafbar.

Entlang des Huang He, dem wir hier erneut stromaufwaerts folgen, wachsen aus dem ineinander verschachtelten Gewirr armseliger Baracken Betonkloetze, Kokereien und Fabriken wie Riesenpilze. So muss das Ruhrgebiet wohl Ende des 19. Jahrhunderts ausgesehen haben.
Die Staedte entlang des Huang He machen den Eindruck, als wolle man mit Hilfe eines unerwarteten Geldsegens verschlafene Wuestennester in eine Mischung aus Las Vegas und Silicon Valley verwandeln. Chinas radikale Wirtschaftspolitik, ausgerichtet auf Wachstum um jeden Preis, hat bis hierher durchgeschlagen. China, so wie wir es kennenlernen, gleicht einem Abenteuerspielplatz der boomenden Bauindustrie. Die Bedingungen fuer Bauherren sind hier paradiesisch, da (noch) ohne Auflagen geplant und ausgefuehrt werden kann. Knowhow im Bereich der Energie- und CO2 Einsparung wird hoffentlich bald gefragt sein.

Weiter suedlich veraendert sich die Landschaft erneut radikal, es ist schwuelwarm und sehr gruen: waehrend der Huang He zuvor flussabwaerts die Industriegewaesser aufnimmt, dient er hier in der Wueste als Quelle allen Lebens. Wir befinden uns inzwischen im autonomen Gebiet Ningxia, der kleinsten und einer der unterentwickelsten Provinzen Chinas.
Sie ist die Heimat der muslimischen Hui, die etwa ein Drittel der Bevoelkerung innerhalb der Provinz ausmachen, an ihren weissen Stickmuetzen zu erkennen sind und im Vergleich zu den Han Chinesen richtige Paradiesvoegel sind.
Han Chinesen, die 92 % der chinesischen Bevoelkerung ausmachen, kennzeichnet unserer Meinung nach insbesondere eine ungeheure Leidenschaftslosigkeit, und zwar in allen Lebensbereichen, einen Charakterzug, den wir bei den Hui nicht wiederfinden.
Den Wegesrand saeumen Moscheen und ab und an eine Kirche. Schwer vorstellbar, dass in China mehr Christen leben (ueber 60 Millionen) als in Deutschland.

Das feucht-heisse Klima ist nur durch den Fahrtwind zu ertragen. Die G 109 zwingt uns durch stark besiedeltes Gebiet und so muessen wir mit einem Zeltplaetzchen bei einem Bauern auf dem Acker Vorlieb nehmen, wo uns Schweine und Mosquitos Gesellschaft leisten.
Ein Fruehstueck direkt am Zeltplatz ist unmoeglich - die Muecken sind einfach zu aggressiv.

Nachdem wir die wirtschaftliche Metropole Yinchuan und unzaehlige kleine Siedlungen links liegen gelassen haben, erreichen wir Wuzhong.
Nach den inzwischen gewohnten stundenlangen Problemen beim Beziehen der Zimmer, Geld abheben etc. treffen wir am abend Helen und Lydschie (ihre englischen Namen), die nebenan in einer Modeboutique arbeiten und uns in ein chinesisches Feinschmecker-Restaurant schleppen.
Anschliessend lassen wir in der groessten Diskothek auf einer durch Federn bebenden Tanzflaeche kraeftig das Tanzbein schwingen.

Am darauffolgenden Ruhetag werden wir genoetigt, die beiden in eine Karaokebar zu begleiten. Karaoke ist in China populaerer als bei uns der Fussball; jeder gibt mit einem versteinerten Gesichtsausdruck etwas zum Besten. Dabei erhalten wir einen eigenen Raum, in der eine HighEnd Anlage steht und dank einer ausgekluegelten Menuefuehrung ein audiovisuelles Gesamtbild entsteht. Wir koennen die beiden kaum bremsen.

Wir verlassen Wuzhong wie so oft umringt von einer Traube von Menschen. Wer oder was in "Drei-Teufels-Namen" muesste in Karlsruhe ueber die Strasse schlendern, um auf unsere Gesichter einen aehnlich nichtssagenden Gesichtsausdruck zu zaubern?! We really don't know.

Auf dem Weg zurueck in die Wueste begleiten uns einige Leichenwagen - den Toten sei hier nur ein Platz in der Wueste gegoennt.
Ausgerechnet zur Abenddaemmerung gelangen wir wieder in die Zivilisation, wo uns aeusserste nette Bauern aus der Nachbarschaft Gemuese zum Verfeinern unserer Nudeln reichen.
So lassen wir bei Bier, Zigarette und fast schon zu vielen Sternschnuppen am klaren Nachthimmel die erste Haelfte unserer Radreise revue passieren - unser kleines Bergfest!


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