- Zurueck in die Schule
- Schlammschlacht die Zweite
- "Schnick, schnack, schnuck: Schwimmen, Radeln oder Rasten"
- vom 25.07. bis 06.08.
Kilometer: 3257
Wie schon zuvor sind wir auch diesmal wieder froh der Hektik und dem damit verbundenen Stress des Grossstadgewirrs den Ruecken kehren zu koennen.
Mit einer Ehrenschleife um den Platz des Himmlischen Friedens verabschieden wir uns also von Beijing und folgen dem Kompass diesmal straight West.
Es dauert nicht lange bis sich die Strasse, der wir folgen, in die Berge schlaengelt, wir also jene Hoehenmeter gut machen, die wir bei der Fahrt nach Beijing verloren haben. Zwar haben wir den Stadtbereich Beijings bereits nach einem halben Fahrtag verlassen, dass wir uns jedoch weiterhin in der Provinz gleichen Namens befinden, bemerken wir nicht zuletzt an einer nigel-nagel-neuen Landstrasse, die uns ueber Paesse, durch Tunnel und eine sehr abwechslungsreiche Landschaft bis an die Grenze der Provinz Hebei fuehrt.
Relativ gute Strassenverhaeltnisse auch ausserhalb der Provinz Beijings, schonen uns jedoch nicht vor dem Anblick von insgesamt fuenf schweren Unfaellen in nur zwei Tagen. Ob es ein Motorrad ist, das unter dem Reifen eines schweren LKW's zerquetsch wurde, oder ein mit einem LKW verkeilter PKW, die Botschaft fuer uns ist klar und eindeutig *** Vorsicht, Vorsicht und nochmals Vorsicht *** auf chinesischen Strassen.
Anfaengliche Sorgen, dass wir auf unserer Fahrt wieder gesperrtes Gebiet queren, zerstreuen sich schnell. Das ein oder andere Mal werden wir zwar noch von gar uebereifriegen kommunistischen Ordnungshuetern angehalten, denen unsere Anwesenheit und Erscheinungsbild ganz offensichtlich missfallen, grundsaetzlich aber haben wir den Eindruck, dass je weiter wir in den Westen fahren, die Offenheit und Akzeptanz gegenueber Auslaendern zunimmt.
Umbruch, Aufschwung, Neuerung und Oeffnung, das alte Fundament bleibt jedoch erhalten. So erleben wir ein China indem wir in offiziell verbotenen, jedoch ueberall vorhandenen Internet Cafes Berichte und e-mails schreiben, Fluchtwege in grossen Gebaeuden in Sackgassen weisen, Werbebanner und Klotzbauten in den Staetden jegliche Gemuetlichkeit und Individualitaet begraben haben. Fuer unsere Reise soll das alles jedoch nicht von Nachteil sein, denn rein offiziell, so haben wir erst in Beijing erfahren, wuerden wir sogar eine Sondergenehmigung fuer das Resien mit dem Fahrrad in ganz China benoetigen. Da eine solche Genehmigung jedoch offiziell waere, sich also irgendjemand oder irgendein Gremium offiziell damit einverstanden erklaeren muesste, dass zwei Auslaender ganz unkommunistisch durch das Land radeln, wurde uns vertrauensvoll von einem Antrag abgeraten.
Ganz besonders offen und sehr kontaktfreudig ist eine Englischlehrerin die wir in Yuxian, einer fuer chinesische Verhaeltnisse recht kleinen Stadt, beim Abendessen auf dem Marktplatz kennenlernen. Bei gegrilltem Kuecken am Spiess und kuehlen Bier ist schnell verabredet, dass wir am naechsten Morgen einen Schulbesuch machen werden. Um 8:00 in der Fruehe, stehen wir also Abfahrtbereit vor unserem Hotel und lassen uns von einem kleinen chinesischen Bus zur Schule leiten. Bei der Schule handelt es sich um eine Ferienschule in der ausschliesslich Englisch unterrichtet wird. Als wir das Klassenzimmer betreten werden wir von 8 bis 14 jaehrigen Kindern freudestrahlend bergruesst. Schon am Vortag wurde uns berichtet, dass viele Menschen in der Stadt noch nie einen Auslaender gesehen haben, folglich ist die Begeisterung der Kinder gross, ihre Englishkenntnisse am Lenbendobjekt testen zu koennen. Es dauert auch nicht lange, da werden wir von der Lehrerin nach vorne gebeten, eine Situation die uns beide in der Zeit zurueckversetzt. Anders als frueher werden wir nicht direkt wieder auf die Plaetze geschickt, sondern bekommen das Lehrbuch in die Hand gedrueckt. Rollentausch, aber es klappt ganz gut und alle machen mit wenn es heisst, "Look up, loom down and show me one; stand up sit down and show me two...." Noch groesser als die Begeisterung bei der Begruessung ist die Niedergeschlagenheit bei der Verabschiedung. Ohne unser Wissen wurden wir schon fuer den ganzen Tag in das Schulprogramm eingeplant, daher ist die Enttaeuschung gross, als wir uns gegen Mittag wieder auf die Raeder schwingen.
Hier muessen wir leider dem etwas laengeren Aufenthalt in Beijing Tribut zollen und zusehen nicht zuviel Zeit zu verlieren. Wollen wir den vereinbarten Termin in Golmud am 01. September einhalten, so muessen wir pro Fahtag im Schnitt 100 km radeln.
Den naechsten laengeren Aufenthalt goennen wir uns kurz vor Hunyuan, einer kleinen Stadt am Fusse des Berges Heng Shan. Der Heng Shan gehoert zu den fuenf wichtigsten daoistischen heiligen Bergen der chinesischen Mythologie. Mit den Raedern geht es zunaechst bis auf 1500 m in die Hoehe, den Rest des von Kloestern gesaeumten Weges wandern wir zu Fuss. Nicht weit entfernt besichtigen wir auch das sogenannte Haengende Kloster. Es wurde im 6. Jahrhundert unter der noerdlichen Wei-Dynastie erbaut und vermittelt, nur ueber Stelzen gestuetzt, den Eindruck als wuerde es am Berg haengen.
Dem Kulturprogramm noch nicht genug, besichtigen wir nach Ankunft in Datong die nur unweit entfernten Wolkengrat-Grotten, die zwischen 453 und 495 n.C., auch unter der noerdlichen Wei-Dynastie, in den Suedhang der Wuzhou-Berge gehauen worden. Recht eindrucksvoll praesentieren sich uns die 53 Grotten in denen bis heute 51000 Statuen und Reliefs in sehr unterschiedlichen Groessen und Formen erhalten geblieben sind. Die groesste Buddhastatue in der Hoehle Nr. 5 ist ueber 17 gross.
Auffallend ist, dass auch indische Gottheiten wie Vidhnu und Shiva dargestellt sind, was den damaligen Einfluss indischer Kunst auf die Wei dokumentiert.
Mit einem Schnellbus, das sind kleine, etwas komfortablere Busse als jene normalen Stadtbusse, mit denen wir den Weg zu den Grotten gefunden haben, geht es wieder in Richtung Hotel, wo uns unser chinesische Grosstadtalltag wieder erwartet.
Waeschewaschen und Telefonieren stehen auf dem Programm. An der Rezeption unserers Hotels, welches in der Eingangshalle nur aus Marmor und Gold zu bestehen scheint, versuchen wir unser Glueck. So dass es auch wirklich eindeutig ist, weise ich mit einer Hand auf das Phrasebook "Das muss gewaschen werden", mit der andersn Hand halte ich den vollen Waeschebeutel hoch. All das beeindruckt die Rezeptionisten jedoch wenig. Also wird eben etwas Waesche aus dem Beutel geholt, um der ganzen Angelegenheit einen olfaktorischen Nachdruck zu verleihen. Fehlanzeige! Nach 15 min noch weiterer verzweifelter Versuche die Dringlichkeit einer Waschmaschine zu beschreiben wird klar, dass Waeschwaschen im Hotel nicht moeglich ist und, dass auch niemand weiss wo man Waesche waschen kann.
Naja, es gilt mal wieder mehr Schein als Sein und die Frage wo und wie nun Waesche im Hotel gewaschen wird klaert sich spaeter auf, als wir Hotelpersonal in den Waschbecken der Besuchertoiletten beim Waschen entdecken.
Mit dem Telefonieren scheint das Glueck eher auf der Seite der Fremden, und so bekomme ich auf Anfrage zu einem internationalen Telefongespraech eine auf englisch vorgeschriebene Karte hingehalten, die erklaert, das man vom Hauptpostgebaeude nebenan nach Deutschland telefonieren koenne.
Das Gebaeude, das im Erdgeschoss wieder strikt in Marmor gehalten ist, macht einen unglaublich pompoesen Eindruck. Nach ca. 40m Marmorfussweg vom Eingang zum Schalter, einmal quer durch die Eingangshalle, gibt das eisessende Personal jedoch sehr schnell zu verstehen, dass internationale Gespraeche hier nicht moeglich sind.
Um die Sache abzukuerzen, vergeht also wieder einmal ein halber Tag, bis schliesslich die Wasch- und Telefonbeduerfnisse befriedigt sind.
Riesige Kokereien, Hochoeffen und Foerdertuerme begleiten uns fortan auf der Weiterfahrt.
In der Region Shanxi, ehemals wichtigstes Bollwerk zur Verteidigung Chinas gegen die Nomadenvoelker aus dem Norden, befinden sich heute einige der grossen Kohleminen Chinas.
Nicht unwahrscheilich ist, dass Meldungen ueber verschuettete Minenarbeiter in China aus dieser Region kommen, da die Nutzung der reichen Erz-, Mineralien- und Kohlevorkommen erst recht spaet, im Jahre 1949, begann, und die meisten Anlagen seither keinen nennenswerten technischen Wndel erleben durften.
Auf dem Fahrrad werden wir staendig von bis zum Boeschungswinkel beladenen Kohletransportern laut hupend ueberholt. Dabei kann es schon einmal vorkommen, das ein Teil der Ladung bei einem riskanten Ueberholmanoever oder zu starker Seitenlage verloren geht.
Auch kann es passieren, dass lautes Hupen nicht zum gewuenschten Erfolg fuehrt: im regen Verkehr beobachten wir, wie zwei LKW nach einer gewagten Fahr- und Ueberholtaktik einen Frontalzusammenstoss nur durch eine beidseitige Vollbremsung verhindern koennen, und sich anschliessend die Fahrer mitten auf der Hauptstrasse durch die nur noch einen halben Meter von einander entfernten Windschutzscheiben gegenseitig anbruellen.
50 km vor dem Huang He, noch immer der Hauptstrasse 109 folgend, kuendigt uns die Strasse die Freundschaft. Es geht hoch und runter, und ueber Nacht verwandelt sich der nun nur noch bessere Feldweg, nach einem starken Gewitter, in eine Schlammpiste.
Es ist schon frustrierend wenn man matschbedingt auf einer Abfahrt von sicher 10% Gefaelle schieben muss. Nach schweisstreibenden Stunden ohne wirkliches Farhervergnuegen erreichen wir aber dennoch gluecklich den Huang He.
Neues Problem: die Strasse endet im Fluss. Wir entschliessen uns also ersteinmal eine Rast einzulegen.
Am kommenden Tag finden wir eine kleine Faehre die uns ueber den Fluss bringt, die Strasse finden wir auch bald wieder.
Von nun an ist es nur noch ein Katzensprung bis Dongsheng und wir sitzen bereits in Gedanken vor einer heissen Tasse Kaffee.