- Ulaan Baatar
- Steppe
- vom 18.06. bis 27.06.
Kilometer: 1180
Es dauert eine halbe Ewigkeit, bevor wir Ulaan Baatar erreichen, denn wir fahren durch endlose Industrielandschaften und immer dichter sowie aggressiver werdenden Verkehr. In der Innenstadt, die wir in Ihrer Dimensionen leicht unterschaetzt haben, stellt sich die Hotelsuche als Problem dar. Die Haeuser sind entweder ausgebucht oder schrecklich heruntergekommen. Ein hilfsbereiter Mongole, der uns in einem kleinen Park anspricht und dessen Englischkenntnisse uns ueberzeugen, vermittelt uns nach einigen Pleiten schliesslich ein dem ersten Anschein nach ordentliches Hotel. Umringt von bettelnden Kindern und einem auch sonst sehr zweifelhaften Publikum wollen wir die Raeder nicht draussen stehen lassen. Es bedarf einiger Verhandlungskraft, aber schon bald liegen wir gluecklich neben unseren Raedern in einem Doppelzimmer mit Bad und WC!
Die kommenden sechs Tage in der Mongolen Hauptstadt nutzen wir zur Streckenplanung und gruendlichen Erholung bei gutem Essen, Bier und Massage. Rote Punkte unter der Haut in Kombination mit lebenden Matratzen veranlassen uns zwischenzeitlich jedoch noch zum Wechseln des Hotels.
Telefonieren, e-mail Schreiben, Konsularbesuche und Organisatorisches, neben positivem Denken, koennen die buerokratischen Huerden leider nicht nehmen. Eine zentrale Wuestendurchquerung ueber die Wuestenstadt Dalanzadgad scheitert an nicht vorhandener Sondergenehmigung. Seitens der Deutschen Botschaft haben wir uns im Stich gelassen gefuehlt. Es steht also nach einigen anstregenden Tagen fest: wir durchqueren die Gobi im Osten, entlang der Trans-mongolischen Eisenbahn in Richtung Peking. Auf dieser Strecke gibt es einen internationalen offenen Grenzuebergang den wir auch ohne besondere Genehmigung passieren duerfen.
Beim Betrachten unserer Baeuche nach knapp einer Woche Aufenthalt in Ulaan Baatar koennen wir feststellen, dass wir uns ordentlich erholt haben und eine baldige sportliche Ertuechtigung wieder dringend noetig ist. Die Stadt, die uns in den nur wenigen Tagen bereits stark ans Herz gewachsen ist wollen wir allerdings nicht verlassen, ohne vorher einmal das Nachtleben getestet zu haben. Die Rezeptionistin unseres neuen Hotels, die auch recht gut Deutsch versteht, begleitet uns. So traegt es sich zu, dass wir am naechsten Tag erst gegen zwoelf Uhr bei praller Mittagshitze in die Eisen steigen und gemuetlich aus der Stadt rausschwanken. Mit einem leichetn Wind im Ruecken steht so auch das Tagesziel fest: raus aus der Stadt, eben soweit, dass wir unser Zelt aufschlagen koennen und wieder unter freiem Himmel schlafen koennen.
Es ist schon erstaunlich! Bei der Ausfahrt aus Ulaan Baatar passieren wir wieder den bekannten Industrieguertel der im Osten etwas weniger stark ausgepraegt ist als im Westen, befinden uns jedoch schon bald wieder in absoluter Einoede. In der 30km entfernten Kleinstadt Najlach fuellen wir unsere Wassertanks, halten uns aber nicht laenger auf und fahren weiter in Richtung Sued-Sued-Osten.
Ploetzlich werden wir von einem Erdwall mitten auf der Strasse ueberrascht. Spaeter, nachdem wir auf noch weitere dieser Erdwaelle und einige Strassenarbeiter stossen, klaert sich der zunaechst mysterioese Umstand auf. Die Erdwaelle sollen die meisst nicht sehr regeltreuen Mongolen davon abhalten, ueber frisch asphaltierte Strassenabschnitte zu fahren. Allerdings halten es die Strassenarbeiter offensichtlich auch nicht fuer noetig bereits fertige Abschnitte von den laestigen Huegeln zu befreien.
Muede und gluecklich einen Schlafplatz auf einer kleinen Anhoehe mit Blick ueber die huegelige Steppenlandschaft gefunden zu haben, bauen wir unser Zelt auf und geniessen den Sonnenuntergang. In weiter Ferne koennen wir zwei-drei Jurten, eine kleine Oase und eine Pferdeherde erkennen. Es ist einfach unglaublich schoen und wir sind beide froh das Stadtleben wieder fuer eine Weile hinter uns zu haben.
Nachts ist unser Zelt von Pferden nahezu umzingelt, wir liegen mitten in der sich langsam fortbewegenden Herde. Ueberrascht stellen wir fest, dass ueber Nacht eine Jurte ganz in unserer Naehe aufgebaut wurde.
Die Mongolei ist ca. 4,4 mal groesser als Deutschland, in dem Land, dass von Russen und Chinesen meisst nur als erweitertes Grenzgebiet und Niemandsland bezeichnet wird, leben jedoch gerade einmal 2,5 Millionen Menschen. Beruecksichtigt man die Tatsache, dass knapp eine Millionen Mongolen in Ulaan Baatar leben, so versteht man leicht, dass die laendliche Mongolei zu den am duennsten besiedelten Regionen dieser Erde gehoert. Dabei sollte man besiedelt jedoch nicht im europaeischen Sinne missverstehen. Der absolute Grossteil der laendlichen Bevoelkerung besteht aus Normaden, die sich mit Ihren Jurten (Zelt-artige Huetten)den Weide- und Futterbedingungen fuer ihre Herden anpassen, und sich so ueber das Land verteilen. Zu einem spaeteren Zeitpunkt der Reise, stellten wir einer Normadin die unsinnige Frage, wo sie den geboren sei. Das wusste sie nicht richtig zu erklaeren, klar, halt irgendwo, irgendwo in der Gobi.
Ebenso klar ist, dass sich die sozialen Strukturen der laendlichen, normadischen Bevoelkerung, stark von den sozialen Strukturen und dem Wertesystem der staedtischen Bevoelgerung unterscheiden. Spielten Geld, Aussehen und Prestige in Ulaan Baatar eine schon groessere Rolle(bitte nicht falsch verstehen, da von westlichen Dimensionen noch immer weit entfernt), so kann man auf dem Land noch Vertrauen, Gastfreundschaft und vorallem unglaubliche Freundlichkeit antreffen. Dies ist nicht verwunderlich, da die laendliche Bevoelkerung unter sehr viel haerteren Bedingungen leben muss, in einer klimatischen Zone, in der die Tagestemperatur um bis zu 50 Grad Celsius schwanken kann. Hier weiss jeder, dass man seinem Nachbarn helfen muss, denn es kann gut sein, dass man selbst einmal auf die Hilfe anderer angewiesen ist. So ist der Gedanke des miteinander Lebens sehr viel ausgepraegter als der des nebeneinander Lebens.
Da so das Nachbarschaftsverhaeltniss entsprechend eng ist, die Nachbarschaft jedoch staendig wechselt, sind wir nicht verwundert als wir am Morgen Besuch von zwei Mongolen bekommen, die uns neugierig mustern. Wir verstehen uns ueber Handzeichen und ein beidseitiges Laecheln, welches weniger auf nationalen Unterschieden, sondern ganz simpel auf Freude und Menschlichkeit basiert. Komisch ist das schon, wir reden fast kein Wort, zumindest keines das auch von allen Beteiligten verstanden wird, trotzdem sind alle unglaublich gut gelaut. Wir sind gespannt was der Tag noch bringen wird.
Verwoehnt von beinahe optimalen Wetterbedingungen am Vortag pfeift uns auf einmal der Wind frontal um die Ohren. Es geht bergauf und wir haben Muehe einen Schnitt von 10km/h zu halten. Entsprechend erschoepft erreichen wir gen Abend nach nur knapp 70 Streckenkilometern ein kleines, direkt an der Strasse gelegenes Nest. Waehrend wir die Wasservorraete beider Dorflaeden aufkaufen, wird die einzige, aber bereits geschlossene Esstube ueber unser Kommen informiert. Geschwind kauft die Koechin zwei Wuerste ein. Im Nu ist die Esstube wieder geoffnet, und nur wenig spaeter sollen die Wuerste in unseren Maegen verschwinden. Ordentlich satt und gluecklich beschliessen wir nur noch ein paar Kilometer zu fahren, quasi eine kleine Verdauungsfahrt zu unternehmen. Als wir jedoch auf den Raedern sitzen und die ersten Meter hinter uns liegen, ist klar, dass wir noch bis in die Daemmerung fahren werden. Der Wind hat gedreht und wir fliegen mit 40 Sachen davon. Erst das Rot am Horizont ueberredet uns nach einem Schlafplatz zu suchen. Nicht einfach, in der nun schon sehr flachen Steppenlandschaft. Kurzum entschliessen wir uns fuer ein gemuetliches Plaetzchen und genehmigen uns ein zweites Abendessen.
Schon seit der Einreise in die Mongolei, wohl wissentlich, dass die Mongolen Gastgeschenke sehr schaetzen, haben wir zwei Flaschen Hochprozentigen im Gepaeck. Am kommenden Tag, an dem der Gegenwind einfach nicht nachlassen will, nutzen wir die Gelegenheit, die Mongolen von der deutschen Gastfreundschaft zu ueberzeugen.
Gerade haben wir uns ein paar Nudeln, relativ gut versteckt hinter einer Huegelkette fertig gekoechelt, da hoeren wir Motorengeraeusch. Zwei junge Mongolen die zum Spass mit ihrem Motorrad durch die Steppe roehren, kommen auf uns zu. Die Offenheit der Mongolen bereits gewoehnt, laden wir beide schlicht weg zum Nudelessen ein. Den Gesichtern jedoch ganz deutlich zu entnehmen; unsere mit Merretich veredelten Nudeln schmecken nicht, wahrscheinlich weil der sonst allgegenwaertige Hammelgeschmack fehlt. Dies scheint der richtige Moment zu sein die Wodkaflasche aus dem Zelt zu holen. Zunaechst etwas zurueckhaltend, dann jedoch mit zunehmender Begeisterung machen wir uns gemeinsam ueber die Flasche her.
Waehrenddessen, fast unbemerkt naehert sich uns eine Schafsherde, begleitet von einem Hirten und seinem Sohn. Bald Umgeben von genau 171 Schafen, gesellen sich nach herzlicher Begruessung beide zu uns. Auch den neuen Gaesten koennen wir mit unseren Nudeln keinen Gefallen tun, vielmehr verstehen es die Mongolen als Pflicht uns mit normalem Essen zu versorgen. Mit dem Motorrad dauert es nur wenige Minuten, bis aus der, wie wir spaeter feststellen, nur wenige hundert Meter entferneten Hirtenjurte, ein Schaelchen Schafsjughurt herbeigeholt ist. Nachdem wir uns von der Koestlichkeit des Jughurts ueberzeugen konnten (kein Scherz, der Jughurt war echt super lecker) und der Wodka schon laengst leergetrunken ist, verabschieden sich die jungen Mongolen und verschwinden mit ihrem Motorrad in der Steppe. Der Hirte und sein Sohn bleiben jedoch noch ein wenig und laden uns zu ihrer Jurte ein.
Gut ausgeruestet mit Lampe und einer Flasche Whisky folgen wir unseren Gastgebern zu ihrer Behausung. Die zeltartige Konstruktion bietet in ihrem Inneren u.a. genuegend Platz fuer zwei Betten sowie einen Ofen in der Mitte des Raums. Wie uns der Hirte mitteilt, dauert es nur eine Stunde die Jurte auf zu bauen. Kaum fassbar, da diese runde Unterkunft mit einem Radius von gut zwei Metern jedem Wetter problemlos standhalten kann. Begeistert bieten wir also auch die zweite Flasche an diesem Abend an und lassen uns von den Trinkgewohnheiten des Hirten verblueffen. In nur sechs Zuegen wird die ganze Flasche aus einer Teeschale getrunken, nicht jedoch bevor man einen Fingerspritzer Whisky mit dem Zeigefinger gen Himmel gesandt, und sich dann mit dem noch feuchten Finger die Stirn befeuchtet hat. Dies gilt als Trinkritual, das nur mit hochprozentigem Alkohol und nicht von Frauen durchgefuehrt wird, wie uns zu einem spaeteren Zeitpunkt erklaert wird.