- Das Tamtschinski Kloster
- Einblicke in das Leben eines Lamas
- Schlammschlacht
- Rueckenwind traegt uns vor die Tore der Mongolei
- besoffene russische Offiziere und ein zwielichtiges Hotel
Kilometer: 590
Das buddhistische Tamtschinski-Kloster, das heute nur noch von unserem Gastgeber mit seinem aelteren burjatischen Gehilfen dauerhaft bewohnt wird, steht in einem krassen Kontrast zu dem eher trostlosen und grauen Doerfchen von dem es ringsum umgeben ist. Das Klostergelaende auf dem eine Frau bei unserer Ankunft mit ihren drei Kindern einen selbstgebauten Drachen steigen laesst, bietet genuegend Platz fuer zwei grosse Tempel, zwei Wohnhaeuser, ein Saunagebaeude, Gebetstrommeln und eine Stulpa. All dies ist jedoch nur ein kleiner Ueberrest des bereits 1741 gegruendeten Klosters, dessen Bluete 1938 ein abruptes Ende bereitet wurde. Tausende Kriegsgefangene die den Bau der Trans-Sibirischen Eisenbahn vorantreiben sollten kamen in dem Kloster das lange Zeit als Gefangenenlager genutzt wurde ums Leben. Heute erinnern an diesen Schrecken nur noch einige Grabsteine in einer kleinen Ecke des Klosters.
Unser Gastgeber wohnt gemeinsam mit seinem Gehilfen in einem der beiden typisch sibirischen Holzhaeuser auf dem Klostergelaende. Sein Zimmer ist mit zwei Betten und einem Fernseher ausgestattet vor dem er jeden Abend seine ein bis zwei Gebetsstunden abhaelt. Durch eine dicke Tuer vor den Schnarchattacken des Burjaten geschuetzt, bekommen wir hier eines der Betten und ein Stueck Boden zum Uebernachten zugewiesen. Instinktiv entscheiden wir uns den Platz auf dem Boden mit Schlafsack und Isomatte zu teilen.
In der Kueche, die mit einem funktionierenden Elektroherd ausgestattet ist, wird nicht sehr abwechslungsreich gekocht. In einem Regal liegt ein Stueck Hammel von dem wir uns etwas abschneiden sollen, Brot liegt bereit, und auf dem Boden steht ein Topf Suppe, die bei Appetit immer mal wieder aufgewaermt wird. Hauptnahrungsmittel scheint jedoch Tschej zu sein, eine Art Tee, der zu jeder Tageszeit getrunken wird. Da wir beide nach drei Fahrtagen einen riesigen Hunger haben und in den Augen der Gastgeber gar Unmengen von selbstgekauften Lebensmitteln ins uns reinschieben, werden wir schlicht zu Herkules umbenannt.
Sehr gespannt koennen wir im Hauptzimmer, welches als einziges mit einem Holzofen ausgestattet ist beobachten, wie der Lama Gebetstuecher mittels einer alten tibetischen Technik herstellt. Dafuer werden zunaechst metallerne Gebetsplatten mit dicker Tinte bestrichen. Anschliessend werden Seidentuecher uber die Platten gelegt und mit einem Schwaemmchen auf die Platten gedrueckt wobei ein Abdruck der Gebetsverse entsteht.
Zum Entspannen und zur Saeuberung bekommen wir angeboten die mit Holz betriebene Sauna zu besuchen. Eine fuer uns unglaublich schoene Erfahrung. Direkt vor dem Saunagebaeude, wo wir das kalte Wetter zum Abkuehlen nutzen, haben wir einen direkten Blick auf den Haupttempel.
Trotzallem sind wir nach zwei Tagen Aufenthalt froh wieder auf unsere Raeder zu steigen, denn am letzten Abend herrscht dicke Luft. Der schon etwas aeltere Burjate ist ganz offensichtlich stark erzuernt und bringt dies auch lautstark zum Ausdruck. Der Lama ist vom Meckern des Burjaten zwar unbeindruckt und gibt uns ueber Gestiken zu verstehen, dass kein Grund zur Aufregung besteht. Die Tatsache aber, dass wir kein Wort verstehen und auch den Anlass der Spannung nicht kennen fuellt uns mit Unbehagen. Ist es unsere reine Anwesenheit, unsere eher reservierte Einstellung gegenueber dem immer wieder angebotenen Hammelfleisch, oder etwas komplett anderes, was den bisher so freundlichen und hilfsbereiten Burjaten so erregt?
Sehr frueh brechen wir nach zwei Tagen im Kloster auf, etwas beschaemt kein entsprechendes Gastgeschenk zur Hand zu haben. Also hinterlassen wir etwas Geld in der Hoffnung, dass diese Geste nicht fehlinterpretiert wird, und zwei keine Zettel auf denen wir uns auf kyrillisch fuer die Gastfreundschaft bedanken.
Zurueck auf der Strasse, etwas ausserhalb des Oertchens, bereiten wir uns dann ein leckeres Fruehsteck. Von Muecken zwar verschont, sind wir und unser Fruehstueck sehr bald von Horden von Wuestenfliegen umgeben die uns recht schnell auf die Strasse zurueckfuehren.
Die ersten Kilometer werden zu einer Schlammschlacht. Teilweise muessen wir weit neben der Strasse fahren um unsere frisch gewarteten Raeder nicht wieder voellig ein zu sauen. Nach aber ca. 20 km duerfen wir uns ueber Asphalt und Rueckenwind freuen und lasssen uns nach eienm kurzen Anstieg ins Tal Rollen, indem wir in einem kleinen Oertchen Wasser und Proviant nachkaufen. Von nun an, durch Rueckenwind beguenstigt, schaffen wir noch am selben Tag mit insgesammt 130 Streckenkilometern die Grenzstadt Kjachta zu erreichen, von der wir uns eine Dusche sowie Internet versprechen. Nach kurzer Suche steigen wir im besten Hotel der Stadt ab....
Bei der Kommunikation mit dem Hotelpersonal ist uns ein russischer Fahrrer behilflich, der mit seinem Militaer-Jeep auf einen Offizier wartet der wohl ebenfalls in unserem Hotel eingecheckt hat. Sein ganz besonderer Tip; auf gar keinen Fall fuer zwei Naechte im Voraus bezahlen, das Hotel sei sehr komisch... Unser Gepaeck koennen wir auf das Zimmer nehmen, die Raeder werden in einem nahegelegenen Vorgarten verstaut. Jetzt freuen wir uns auf eine Dusche und Waeschewaschen, muessen aber feststellen, dass es weder eine Dusche auf den Zimmern gibt, noch eine Waschmaschine zur Verfuegung steht. Zum Waschen bekommen wir eine Plastikwanne und warm Wasser. Am naechsten Tag sollen dann unsere Radlerhosen und der Rest der nur halbsauberen Waesche den Balkon uber dem Haupteingang des Hotels schmuecken.
Zum Duschen gibt es jedoch keine Alternative. Auf wiederholtes Nachfragen ob es nicht doch irgendwo eine Waschmoeglichkeit gibt bekommen wir nur Schulterzucken als Antwort. Dummerweise verfuegt das Bad, welches lediglich mit einer schnell verstopften Toilette ausgetsattet ist auch ueber keinen Abfluss. Folglich tun wir es den bereits zahlreichen russischen Offizieren gleich, die sich in der Hotel Bar eingefunden haben. Wir wechseln unsere Sachen und gehen runter.
In der Bar, die zugleich Restaurant und Diskothek ist, herrscht eine komische Atmosphaere. Sehr freizuegige Frauen vermengt mit einem eher zweifelhaften Publikum, welches zu einem Grossteil aus russischen Militaers besteht bestimmen das Geschehen. Schon bald werden wir von zwei Offizieren zum Tanzen und Wodkatrinken aufgefordert. Zum Ausnuechtern starten wir noch um zwei Uhr eine Waschaktion der bisher nur eingeweichten Waesche, entscheiden uns dann jedoch dummerweise noch ein letztes Bier zu trinken. Nachdem sich die Partygemeinschaft langsam aufgeloesst hat, bekraeftigt ein angeblicher Offizier seine Absicht noch weiter mit uns zu feiern. Erst nachdem die Rezeptionistin den Russen vor dem Betreten des oberen Stockwerkes gehindert hat begeben wir uns auf unser Zimmer. Etwas veraergert darueber, dass man das Zimmer nicht abschliessen kann, sind wir schnell gezwungen unsere Kreativitaet zu nutzen. Von Aussen versucht jemand grunzend die Tuer zu oeffnen. Mit einem Expander den wir an der Eingangstuer und der Badezimmertuer befestigen sowie einem zwischengestelltem Stuhl zum Erhoehen der Spannkraft sind wir vor dem naechsten, bald folgenden Versuch, des schnaubenden Stoerenfrieds sicher, in unser Zimmer einzudringen.
Der naechste Tag ist recht entspannt. Bei prallem Sonnenschein schlendern wir durch das Staedchen. Zwar gibt es hier kein Internet, jedoch nutzen wir unsere Zeit zur Regeneration fuer die bevorstehende Etappe und die Grenzueberquerung in die Mongolei. Am spaeten Abend bekommen wir noch einen russischen Zimmergenossen, der es sich am anderen Ende des Raumes gemuetlich macht. Trotz eines Ruhetages fallen wir sehr muede in die Federn und freuen uns schon wieder auf das Zelten in der Mongolei.