- Grenzuebergang
- Zelten in den Weiten der Taiga
- Auf zum Dschingis
Kilometer: 960
Angekommen: auf der Strasse.
Rueckenwind und die letzte Kraft in den Beinen spuelten uns nach Kjachta, dem Tor zur Mongolei.
Dass sich unser Glueck in der Mongolei bis nach Ulan Baatar - der Hauptstadt - nahtlos fortsetzen wuerde, hatten wir nicht zu hoffen gewagt.
Die Sonne erroetet. Ein kurzes Fruehstueck zwischen dem Packen muss reichen, denn unser Minimalziel fuer heute lautet: die Grenze in die Mongolei passieren. Der alten Dame druecke ich nochmals 100 Rubel fuer die sicher untergestellten Raeder in die Hand. Mit Gottes Segen rollen wir ein paar hundert Meter bergab, kurz vor der Grenze wird die Strasse dreispurig und eine hypermoderne Grenzanlage oeffnet sich unserem Blick. Haben die Russen es wirklich noetig vor den Mongolen so viel Eindruck zu schinden?
Mongolische Haendler mit ihrem fahrbaren Untersatz stehen Schlange: wir werden dank unserer "bemitleidenswerten" Drahtesel nach vorne gebeten und werden an diesem Morgen als erstes ueber den Grenzuebergang gelassen. Die mongolische Gelassenheit und Offenheit ist sofort ansteckend. Die russischen Grenzbeamten sind ueberraschen freundlich, lassen uns aber erst uebersetzen, nachdem wir beim verzollen die Fahrraeder als Handgepaeckstueck und nicht als Fortbewegungsmittel angeben. Diese Korrektur wird ca. ein Dutzend mal unterschrieben und ebenso oft gestempelt: gerne haetten wir diesen Fetzen Papier als Andenken behalten.
Auf mongolischer Seite dreht der Beamte ersteinmal unbeholfen aber begeistert ein paar Runden mit meinem Vehikel, bevor er es mir mit einem anerkennden Blick uebergibt und uns zum Verzollen schickt. Nach einem nichtendenwollenden Marathon bei Schreibtischtaetern in einer jedoch sehr freundlichen Athmosphaere finden wir uns am fruehen Nachmittag ein wenig erschoepft in der Mongolei wieder: wir koennen es noch nicht ganz glauben.
Wer kennt sie nicht, die Bilder von den wilden Reiterhorden, die wie verwachsen mit ihren Pferden ueber die endlosen Weiten der Steppe dahinfliegen, die Bilder von stolzen, unbezaehmbaren Maennern und riesigen Pferdeherden, die sich frei ueber Weideland bewegen. All das liegt jetzt vor uns.
In Suchbaatar essen wir zum ersten Mal mit Staebchen, eine willkommene Abwechslung. Das Staedtchen wirkt sehr heruntergekommen und erstickt in alter Schwerindustrie. Das Angebot an Lebensmitteln ist jedoch deutlich besser als auf russischer Seite – der „Gruene Punkt“, deutscher Vitaminsaft und Alpenschokolade haben auch bis hierhin gefunden.
Getreu dem Motto „Wer sich beeilt, friert“ (Mongolisches Sprichwort) machen wir es uns schon bald im Steppengras bequem. Wir powernappen ein gutes Weilchen und verlaengern unsere letzten Vorraeten an Weight Gainer – ein geiles Schoko-Pulver vollgestopft mit Kohlenhydraten, Proteinen, Vitaminen, Mineralien..... made in USA – mit Milchpulver und Zucker, bevor wir uns gestaerkt wie Popeye unserer Leidenschaft hingeben (dem Radfahren;-)). In den fruehen Abendstunden haben wir Delgerkhaan immernoch nicht erreicht, und unser GPS-Geraet verraet uns, das es bereits hinter uns liegen muss. Wir verfluchen unser Kartenmaterial. We are runnig out of water und die naechsten 80 km wird es ausser einem Fluss kein Wasser geben! Unser Wasserverbrauch ist inzwischen auf 10 l pro Nase und Tag angestiegen. Ich lenke mich ab mit Musik und Vorstellungen von einem wolkenlosen Himmel und einem unbegrenzten Horizont, von Rundzelten aus weissem Filz, Kamelherden und sehnsuchtsvollen Liedern mandelaeugiger Schoenheiten......auf einer Anhoehe mit wunderbarem Panorama auf das umliegende Gebirge finden wir bald DEN perfekten Zeltplatz und geniessen die Abendstunden.
Beim Studium der Karte finde ich zufaellig eine weitere Moeglichkeit nach China einzureisen - ueber Altai. Das wird en detail erst in Ulan Baatar zu klaeren sein.
Mist, verschlafen! Mit Haferflocken gestaerkt gelangen wir bald an einen kleinen Ort, der in unserer Karte nicht verzeichnet ist. Es wird Wasser, Saft deutscher Herkunft und mongolische Kekse gekauft. Bei angenehmen Temperaturen machen wir Kilometer. Bald jedoch kommt Suedwind auf, der sich bis zum abend zu einem ausgewachsenen Sturm verstaerken sollte.
Pferde durchqueren einen fast ausgetrockneten See. Kurz vor Darchan - der Zweit groessten Stadt des Landes – bricht mir die Halterung der Lenkertasche, die nun ab sofort ihr Dasein in meinem Anhaenger fristet. Darchan ist eine schmutzige, von Schwerindustrie und Armut gekenntzeichnete Stadt, in der uns nicht viel haelt. Wir tanken hier erneut 20 l Wasser und Proviant. Wir umschiffen die ploetzlich auftauchenden offenen Gulliloecher: bei nacht hier zu fahren waere Selbstmord! Nach einer Mittagspause unter dem letzten schattenspendenden Baum platzt ein Schauer ueber uns herein, den wir zusammengekauert am Strassenrand aussitzen. Trotz des Gegenwindes treten wir weiter um endlich einen Zeltplatz zu finden: ein Kraeuterfeld hinter einer Bergkuppe muss dafuer herhalten. Der Bauer entdeckt den Streich wenig spaeter, hat aber volles Verstaendnis.
Am naechsten morgen juckt es uns in den Beinen und wir druecken mit guter Musik 2-3 Paesse hoch und liefern uns dabei kleine Rennen. Wir erreichen Baruumdaraa, tanken nochmals 10 l und finden Sonnenschutz: das Thermometer ist inzwischen auf 42 Grad geklettert und geschmolzener Teer haftet an unseren Reifen.
Jack, der erste Westerner seit Irkutsk, leistet uns Gesellschaft und erzaehlt von seinen Erfahrungen als Englischlehrer hier auf dem Land. Er wird fuer die kommenden 2 Jahre ehrenamtlich fuer das Peacecore arbeiten. Wenig spaeter lernen wir fluechtig einen Deutschen kennen, der die Mongolen mit technischen Know-how im Bergbau unterstuetzt. Unser Zelt errichten wir nicht unweit von einer Jurte entfernt und bekommen prompt Besuch. Bei einem "Gespraech" werden kleine Geschenke ausgetauscht - Mongolen stehen insbesondere auf Vodka, Whiskey, Daim und Ricola - bevor wir gluecklich ins "Bett" fallen.
3:00, der Wecker klingelt. Das Aufstehen um die Uhrzeit ist allemal besser als in der Mittagshitze und sich bei tagsueber verstaerkendem Gegenwind zu strampeln. Noch bei Dunkelheit und mit Stirnlampen bewaffnet brechen wir auf und geniessen das Fahren bei moderaten Temperaturen. Immer wieder hetzen Hunde unseren Waden hinterher und zum ersten Mal kommt mein Pfefferspray (erfolgreich) zum Einsatz. Bis kurz vor Ulan Baatar halten wir mit einem alten Truck sowjetischer Bauart mit, der zwischendurch immer wieder liegenbleibt und dann wieder aufschliesst. Von einem BMW Fahrer bekommen wir Wasser gereicht und nach einer letzten Bergkuppe, die von vielen Buddhisten gegen den Uhrzeigersinn umkreist wird, tuermen sich am Horizont Fabriken vor uns auf: nach 2 Wochen wollen dann auch mal Beduerfnisse wie emails checken, Duschen und Organisation der Wuestendurchquerung befriedigt werden.
Rueckblick auf die vergangenen 2 Wochen:
Wer als Kind unserer modernen Zivilisation einmal in der Mongolei eintaucht, kann seinen Blick ueber hunderte Kilometer unbebauten Graslandes schweifen lassen. Man wird das Gefuehl nicht los, den ewig blauen Himmel zu beruehren und fortan mit einem anderen Blick sein Leben und das anderer betrachten.
Ueber Jahrhunderte isoliert von den sibirischen Waeldern im Norden und der grossen chinesischen Mauer im Sueden, haben Steppennomaden ihre weitgehend autarke Lebensweise bis heute bewahrt und weiterentwickelt.
Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs haben Reisende aus dem Westen Gelegenheit, die Mongolei auf eigene Faust zu erleben.
Mit Feuer und Schwert eroberten die Mongolen im 13. Jahrhundert das größte Reich der Geschichte. Vom Himalaya bis nach Sibirien, vom Chinesischen Meer bis an die Ostsee. Ihr Anführer ist der größte Feldherr aller Zeiten, sein Name Legende. Er ist ein Mann mit vielen Gesichtern, ein blutrünstiger Schlächter aber auch ein weiser Staatenlenker. Der Mythos des "Apokalyptischen Reiters" lebt hier und bei uns bis heute, der Mythos von Dschingis Khan.
Mit weniger als 2 Einwohnern pro Quadratkilometer (Deutschland 230!) und gerade einmal 2,5 Mio Einwohnern ist die Mongolei heute eines der am duennsten besiedelten Laender der Welt, welch Ironie der Geschichte.
Die erste Bilanz: 960 km ohne Panne, nicht einmal einen Platten, keine Krankheiten oder Wewechen. Tagespensum und Geschwindigkeit haben wir gegenueber den ersten Fahrtagen unbemerkt steigern koennen. Ein Ruhetag folgt auf 3 Fahrtage - das scheint uns der beste Rhythmus zu sein. Temperaturen reichten vom Gefrierpunkt in der Nacht bis hin zu 42 Grad in der Mittagshitze.
Bis auf die gewoehnungsbeduerftigen hygienischen Verhaeltnisse koennen wir uns nicht beklagen: die Reise verlief bisher ganz nach unserem gusto und wir haben wieder zurueckgefunden zu unserem einfachen und gluecklichen Leben im Zelt, wie schon in Suedamerika.